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PRESSE
Interview mit Öykü Nur Akkol auf Sufflor.com, Januar 2012.

Ich habe Emre Yavuz zum ersten Mal in einem Konzert gehört, das er mit Fazil Say in Izmir im 2006 gegeben hat und ich war erstaunt. Ich schätze mich glücklich, dass ich ihn Jahre später kennenlernen und interviewen konnte und ich bin sehr dankbar, dass er sich die Zeit für dieses ausführliche Interview genommen hat. Ich hoffe, auch Sie teilen diese Freude. Wir haben Emre Yavuz nach seinem täglichen Fitnesstraining erwischt. Also die erste Frage musste sich darauf beziehen:

Wilkommen, ich sehe dass du eine musikalische und sportliche Person bist, gibt es viele andere solche Musiker?
Nicht viele, die Musiker haben meistens sehr wenig mit dem Sport zu tun aber ich habe so viel zu tun, daher muss ich gut auf mich aufpassen. Ich möchte in der Zukunft nicht zurückstecken müssen, weil mein Körper nicht mehr mitmacht. Ich glaube nicht, dass viele im Publikum in der Türkei bemerken würden, dass ein Musiker schlechten Ausdauer hat... Das türkische Publikum steht ja leider nicht so auf Kunst. Das ist aber keine Situation, sondern die Konsequenz aus einer Situation. Das Problem ist nicht der Mangel an Beschäftigung mit Kunst, sondern der Umstand, dass die Beschäftigung mit Kunst nicht geschätzt wird. Es ist nicht nur eine “wir müssen das Volk mit unserer Musik erreichen”-Sache, man muss auch offen sein, um erreicht zu werden. Aber in der Türkei ist es ja schon eine politische Sache, wenn man einen Konzertsaal baut oder Kunst unterstützt.

Ich glaube, wir erreichen hier schon sehr tiefschürfende Inhalte. Lass uns an Deinem Anfang beginnen: wie bist du zum Klavier gekommen?
Als ich sechs war, war es für mich ein Hobby, das meine Familie ausgesucht hatte. Später haben meine Lehrer gesagt, dass ich talentiert sei und über ein “absolutes Gehör” verfüge. Dann hat sich alles sehr schnell zu einer Profession entwickelt. Ja, ich war sehr jung und es war nicht meine Entscheidung aber ich habe auch um meiner Familie Willen nie etwas ungern gemacht.

War das eine Musikerfamilie?
Nicht wirklich, meine Eltern sind Grundschullehrer. Nur meine Schwester studierte damals im Konservatorium und jetzt ist Sie eine Musikwissenschafterin. Vor ihr gab es in meiner Familie kein Interesse an Musik.

Dann gingst du nach Ankara.
Ja, nach einigen Jahren in Izmir bin ich 1998 nach Ankara gegangen, um mit Kamuran Gündemir zu studieren.

Wie waren die Vorlesungen, hattest du eigentlich Klassenunterricht?
Normalerweise bekommt man Instrumentalunterricht in Einzelstunden und nimmt an den anderen Fächern gemeinsam mit den anderen Schülern teil. Aber ich hatte ja einen speziellen Status und es gab keine anderen Kinder in meinem Alter, daher hatte ich nur Einzelunterricht.

Wie beschreibst du diese Jahre?
Eine sehr gute Basis. Und ich wusste das immer und ich fühlte mich nie überfordert. Klavier ist sowieso etwas, das man ohne Liebe wohl nicht machen kann und erfordert viel Üben. Mein Klavierunterricht war intensiv und herausfordernd. Dazu musste ich viel üben. Ein anderes Kind hätte sich gewiss zu Recht beschwert.

Offensichtlich warst du sehr entschlossen und musst tolle Unterstützung erfahren haben. “Das Gesetz für Wunderkinder”.
Es war in erster Linie meine Familie, natürlich. Und das Gesetz für Wunderkinder, das für vierzig Jahren inaktiv war, ermöglichte mir die Bildung in Ankara.

Später hast du mit Fazil Say auch studiert.
Das war dann am Gymnasium der Bilkent Universität. Wenn Hacettepe die Basis war, war Bilkent der Überbau. In Bilkent ging es mehr darum, auf der Bühne zu sein und mit anderen Instrumenten zusammenzuarbeiten. Es war sehr anstrengend. Ich studierte Klavier, Komposition, Orchestrierung und gleichzeitig begleitete ich andere Instrumente und Sänger.

Wie verhielten sich die anderen Studenten Dir gegenüber als “das Wunderkind”?
Egal wo ich hingehe, gibt es diese “Wer ist das denn, wieso ist er besonders?”-Einstellung. Ich mag meine spezielle Situation nicht unterstreichen wenn ich mit Menschen kommuniziere, aber ich kann nichts dagegen tun.

Gab es viel Konkurrenz in dieser Umgebung?
In jeder Musikschule gibt es Wettbewerb. Wir waren drei Leute in der Klasse von Fazil Say. Ich versuche, zu von dieser Art von Wettbewerb Distanz zu halten, sie schadet einem.

Fühlst du dich nie überfordert und denkst du nicht “es ist zu schwer, wie soll ich es schaffen”?
Manchmal, doch. Aber was meine Kraft saugt, sind nicht das Klavier oder andere Fächer, es ist, ständig unter einem Haufen Menschen zu sein. Ich bin viel effizienter wenn ich in den Ferien in Izmir bin, und ich raste mich auch aus. Einen klareren Kopf zum Arbeiten haben, das sind meine Ferien.

Verstehe. Nach Bilkent bist du nach Wien gegangen, wie kam das?
Es war die Idee von Fazil Say.

Warst du der Meinung, dass du die ideale Ausbildung in der Türkei nicht bekommen konntest?
Auch wenn eine solche Ausbildung in der Türkei möglich gewesen wäre, wäre ich weggegangen.

Was ist also der eigentliche Grund?
Für einen Musiker ist es eine wichtige kulturelle Sache, in Wien zu leben.

Warum bist du später nach Deuschland gegangen?
Ich wollte mit Karl-Heinz Kämmerling studieren. Er ist ein Lehrer, von dem man wirklich viel lernen kann.

Du gibst nicht so viele Konzerte und konzentrierst dich auf dein Studium. Was sind deine Pläne für die Zukunft?
All meine Pläne basieren auf einer musikalischen und künstlerischen Ebene. Ich möchte sehr viele Dinge tun, die schwer zu beschreiben sind. Wenn ich dir sagen würde “ich möchte das und das machen”, wäre das zu konkret im Vergleich mit dem, was ich eigentlich will. Doch eine Sache gibt es da: kann man mit Musik die Welt verändern? Ich denke schon.

Ich höre so tolle Sachen! Gratulation im Voraus. Gibt es Pianisten oder Komponisten, die deine Vorbilder sind?
Seitdem ich mit Klavier angefangen habe, war Chopin sehr speziell für mich. Kein anderer Komponist lässt mich so sehr mich selbst spüren. Manchmal habe ich sogar das Gefühl, wenn ich vor Publikum Chopin spiele, dass ich von meinem privaten Leben erzähle. In den letzten Jahren ist Rachmaninov für mich immer wichtiger geworden, der einer von meinen Lieblingskomponisten und -pianisten ist. Außerhalb der Klavierwelt habe ich auch andere “Götter”, wie Jacqueline DuPre oder Franz Kafka.

Wenn du von Kafka redest, magst du Literatur?
Ich liebe Lesen. Ich bin derzeit an philosophischen Büchern interessiert. Ich habe alle Bücher von Kafka gelesen und manche haben tatsächlich mein Leben verändert. Es ist schade, dass es nichts mehr von Kafka gibt, das ich noch lesen kann. Das ist meine Art und Weise zu lesen: wenn ich mit einem Author anfange, lese ich weiter, bis nichts mehr von diesem Author übrig bleibt. Jetzt lese ich Kierkegaard und Camus. Ich bin ein Fan der russischen Literatur, besonders von Tolstoi, obwohl er sehr unterschiedlich von den anderen ist, die ich eben genannt habe.

Außer Klassik, was für Musik hörst du?
Kommt auf die Laune und den Anlass an. Ich höre schon Popmusik oder elektronische Tanzmusik wie Madonna und ich mag auch so etwas wie Portishead, Morcheeba und MGMT.

Vielen Dank, dass du deine wertvolle Zeit mit mir geteilt hast. Ich hoffe, dass deine viele Arbeit sich im besten Sinne auszahlen wird.
Danke auch dir.

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