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PRESSE
Interview in Andante mit Ilke Boran, Ausgabe Februar 2013.

Als ich Emre Yavuz kennengelernt habe, war er dreizehn. Im Winter 2013 kam er mit seiner Schwester Elif Damla ins Konservatorium. Wir alle waren darauf gespannt, das Talent dieses jungen Pianisten zu erleben, der im Rahmen des “Idil Biret Gesetzes” studierte. Was noch mehr beeindruckend war als seine großartige Musikalität, war sein Selbstvertrauen trotz seines Alters und sein ernstes aber doch sympatisches Verhalten. Im frühen Alter hat er angefangen, mit Kamuran Gündemir zu arbeiten und später setzte er sein Studium im Ausland fort, seine Kunst und Perspektive über die Kunst entwickelte sich. Heute ist er ein zukunftsorientierter Pianist, der erste Preise in Wettbewerben gewinnt. Wir haben uns über die letzten fünf Jahre seines Lebens unterhalten.

Lass uns die letzten fünf Jahre kurz zusammenfassen. Was ist geschehen, seitdem du 2007 nach Wien gegangen bist?
Damals war ich neu in Wien, wo ich mit Roland Batik studierte. Es war eine schwierige Zeit für mich, weil ich auf der Suche nach meiner pianistischen Persönlichkeit war. Und während ich eine solche wichtige Phase erlebte, war ich allein in einer Stadt, die ich nicht mochte. Ich war enttäuscht vom Leben in Wien. Später habe ich mich mit Wien versöhnt. Besonders nachdem ich nach Hannover gezogen bin habe ich angefangen Wien zu lieben (lacht). Wenn ich jetzt zurückblicke, merke ich, dass diese Phase mich zu der Person gemacht hat, die ich heute bin und dass die Wurzeln meines Verhaltens, meiner Angewohnheiten und Gedanken, die ich als “Ich” bezeichne, in Wien sind.

Was mochtest du in Wien nicht?
Es war mir langweilig. Es ist natürlich eine sehr schöne historische Stadt, aber ab einem gewissen Punkt verlor ich das Gefühl, dass ich in der Gegenwart war. Ich hatte ein finsteres Leben, weil ich - anstatt öfter zur Schule zu gehen - die ganze Zeit in meiner Wohnung übte, die immer dunkel war. Aber trotzdem habe ich von der kulturellen Lebendigkeit Wiens profitiert. Jeden Monat ging ich zum Musikverein, um Karten für den ganzen Monat zu kaufen und gab ungefähr so viel Geld aus wie meine Miete. Ich verbrachte den größten Teil meiner Zeit ausserhalb der Wohnung in Konzerten. Ich habe sogar viele Freunde in Konzertsälen kennengelernt.

Wie war dein Freundekreis in Wien?
Fast keiner war Musiker. Ich war mit Architekten und Ärzten befreundet, die älter als ich waren. Ein solcher Freundekreis ermöglichte mir, nicht im Konservatorium eingesperrt zu sein. Auch wenn ich jetzt in Hannover wohne, bin ich immer noch sehr eng befreundet mit denen.

Woher kam die Idee, nach Wien zu ziehen?
Mein Lehrer in Bilkent, Fazil Say, hatte mich darauf hingewiesen, nach Wien zu gehen und mit Roland Batik zu studieren. Ich habe mit Roland Batik vier Jahre studiert und dann habe ich mich entschieden, nach Hannover zu gehen, um mit Karl-Heinz Kämmerling zu studieren.

Wie ist dieses Hannover-Projekt mit Kämmerling entstanden?
Ich habe Kämmerling schon gekannt, weil ich an manchen Meisterkursen von ihm teilgenommen hatte. Ich wollte unbedingt mit ihm arbeiten und ich suchte die richtigen Umstände. Kämmerling gab keinen Privatunterricht und es war auch nicht genug, einmal in zwei-drei Monaten einen Meisterkurs zu besuchen. Der vernünftigste Weg, um mit ihm zu arbeiten, war also, sein offizieller Student zu werden. Ich konnte schon Deutsch und ich musste mit meinem Studium in Wien nicht aufhören, weil ich die Möglichkeit hatte, an beiden Universitäten zu studieren. Also bin ich 2010 nach Hannover gezogen und setzte gleichzeitig mein Studium in Wien fort. Die Brücken zwischen mir und Wien wollte ich nicht abbrechen. Ich bin immer ein Mal im Monat nach Wien gefahren, um meine Prüfungen zu ergänzen. Es war schwer, aber es hat funktioniert. Ich habe jetzt in Wien absolviert und in Hannover bin ich auch fast fertig.

Kannst du Hannover und Wien vergleichen?
Hinsichtlich der Musikausbildung. Hannover ist fast eine Weltmarke wenn von Klavierklassen die Rede ist, Dank Wladimir Krainew, Arie Vardi und Kämmerling. Wien ist nicht so. Aber der Nachteil von Hannover ist, dass die Musikhochschule wie ein Kindergarten ist. Sie ist voll mit Leuten, die sich an ihrem Instrument sehr weit entwickelt haben, indem sie geübt und geübt haben aber die auf der anderen Seite nicht geschafft haben, sozial zu wachsen. Wien ist voll mit Möglichkeiten, um sich außerhalb der Schule zu sozialisieren und um sich kulturell zu ernähren. Hannover ist eine gute Stadt zum studieren aber sie muss danach gleich verlassen werden.

Die Zusammenarbeit mit Kämmerling ist also ein wichtiger Wendepunkt in deinem Leben.
Ich bin zu Kämmerling gegangen, weil ich dachte, dass er der Lehrer ist, der meine Schwächen ansprechen konnte. Aber ich habe von ihm viel mehr als das gelernt. Er ist natürlich ein sehr guter “Klavierlehrer” aber er ist auch ein Lehrer, der einem eine größere künstlerisch-philosophische Tiefe und Perspektive anbieten kann. Das können natürlich nur diejenigen von ihm bekommen, die solche Kapazität haben. Kämmerling hat mir nicht nur dabei geholfen, mich als Pianist und Mensch zu entwickeln, er hat mich dazu gezwungen, eine neue Perspektive über die Musik und ein höheres Bewusstsein über meinen Sinn als Künstler zu erreichen.

Was waren deine Schwächen, als du dich für Kämmerling entschieden hast?
Ich habe nur für mich und in einer Weise gespielt, die mir gefiel, was meinem Lebensstil in Wien entsprach. Aber ich wusste, dass Kämmerling mir vieles darüber beibringen konnte, was es bedeutet, auf der Bühne zu sein und wie man mit dem Publikum kommunizieren konnte. Ich wusste auch, dass er ein Meister der Klaviertechnik war. Ich habe mehr gefunden als ich erwartete.

Du redest über eine Phase, in der du dir bewusster darüber wurdest, warum du Musik machst. Erkläre das ein bisschen.
Eigentlich, jeder Musiker in meinem Alter muss nicht eine konkrete und korrekte Antwort dazu geben, aber wichtig ist, diese Problematik zu erkennen und sich darüber Gedanken zu machen. Wenn du mich in fünf Jahren wieder fragst, kann ich eine ganz unterschiedliche Antwort geben, die dem widerspricht, was ich jetzt sage. Aber es war trotzdem Kämmerling, der mich mit diesen Gedanken zuerst beschäftigt hat.

In Wien hast du dein Studium absolviert, indem du die Höchstpunktezahl bekommen hast und dadurch hast du einen Rekord gebrochen. Kannst du darüber mehr Details geben?
Es gab sieben Jurymitglieder, einer davon war der Abteilungsvorstand und ein anderer war mein Lehrer, Roland Batik. Diese konnten mir keine Punkte geben. Alle andere haben mir 20 von 20 gegeben. Ich war selbstverständlich sehr glücklich aber ich habe später erfahren, dass es das erste Mal war, dass ein Student von der gesamten Jury die volle Punktezahl bekam. Wenn du es erzählst, klingt es, als wäre das ganz normal aber es ist schon eine grosse Sache. Zum ersten Mal in der Geschichte des Konservatoriums absolviert ein Student mit voller Punktezahl und der ist Emre Yavuz (beide lachen). Wir sind dann auch auf die Kärntner Straße gegangen und haben eine Sektflasche geöffnet (lacht).

Du hast neulich einen Wettbewerb gewonnen. Lass uns über diesen Wettbewerb und die Entstehung der Idee reden, daran teilzunehmen. Hast du gedacht, dass es Zeit war, an einem Wettbewerb teilzunehmen?
Das gibt es auch, ja. Ich hatte mich während meines Aufenthalts in Hannover von den Wettbewerben distanziert, weil ich Hannover als ein Arbeitscamp gesehen habe. Der letzte Wettbewerb, den ich gemacht hatte, war ein Wiener Chopin Wettbewerb in 2010. Weil ich in Wien absolviert hatte und in Hannover auch fast so weit war, hatte ich mehr Zeit, um mich wieder zu öffnen und ich habe mich auch bereit gefühlt. Ich habe einfach die Website des Wettbewerbs gesehen, es war nicht lange geplant. Ich habe das im Mai gesehen und also sechs-sieben Wochen, um mich vorzubereiten. Es gab drei Runden. In der ersten spielt man ein Präludium und Fuge von Bach, den ersten Satz einer Beethoven-Sonate und eine Etüde; in der zweiten ein dreißigminütiges Programm, das ein Schubert-Stück und ein Pflichtstück beinhalten musste; und die dritte war ein fünfzigminütiges Rezital mit freiem Programm. Es gab zwei Sonderpreise, einer davon war der Schubert-Preis, den ich sehr gerne haben wollte aber nicht bekommen habe (lacht). Ich musste mich einfach alleine vorbereiten, weil Kämmerling kurz davor verstorben war. Das letzte Stück, das wir mit ihm gemacht haben, war der zweite Satz der grossen A-Dur-Sonate von Schubert. Es war unser bester Unterricht. Wegen dieser besonderen Bedeutung für mich und weil dieses Stück die Neuerfindung symbolisierte, die ich in den letzten zwei-drei Jahren erlebt hatte, wollte ich das im Wettbewerb spielen. Ich hatte früher große Probleme mit Schubert, aber ich wollte dieses Stück unbedingt spielen und ich habe es genossen.

Warum hast du diesen Wettbewerb gewählt?
Was die Jurymitglieder immer sagten, war, dass alle heutzutage sehr gut Klavier spielen können. Tatsächlich ist das wahr und es gibt sehr viele, die grossartig spielen. Sie gehen zu Wettbewerben und gewinnen Preise. Aber wenn du etwas mehr anbieten kannst als gutes Klavierspiel, möchtest du in den Umgebungen sein, wo das auch geschätzt wird. Der erste Preis sollte an eine “herausragende Künstlerpersönlichkeit” vergeben werden. Wie zeigt man eine Künstlerpersönlichkeit in einem Wettbewerb? Wenn du eine Message hast, brauchst du nicht auf die Bühne gehen und anfangen zu reden, eigentlich kannst du mit deiner Spielart und mit der Gestaltung deines Programmes etwas sagen. Dann ist es tatsächlich etwas mehr als gutes Klavierspiel und du präsentierst eine künstlerische Haltung. Ich hatte Dinge zu sagen. Und als ich meine Stücke ausgewählt habe, habe ich nicht einfach einige virtuose Stücke nacheinander plaziert, ich habe Risiko übernommen, meine Augen zugemacht und die Stücke gewählt, zu denen ich eine persönliche Beziehung hatte und drei Rezitale herausgegeben, die ein ganzes Konzept und eine Message hatten. Während des Wettbewerbs hatte ich das Gefühl, dass ich wusste, was ich mache, und natürlich hat es mir auch Spass gemacht. Es ist schön zu sehen, dass das geschätzt wurde.
All das hat mit diesem neuen Bewusstsein zu tun, glaube ich. Ja. Gut Klavier zu spielen ist nicht genug. Denn gut zu spielen ist einfach. Einer der Wege zum Erfolg ist, sich den vorgegebenen Umständen gut anpassen zu können. Das bin ich aber nicht. Ich bin nicht so einer, der sich ein Leben lang dafür bemühen kann, um sich für die Standards zu optimieren, die von anderen bestimmt werden. Mir bleibt nur eine Option übrig: meine eigenen Regeln gegenüber jene von anderen zu stellen. Ich mache das und ich mache das so, denn ich bin ich, ich bin kein anderer.

Was wirst du nun machen, wenn du in Hannover fertig bist?
Jetzt studiere ich mit Arie Vardi in Tel Aviv, der einer der grösßten Klavierprofessoren unserer Zeit ist. Genauso wie ich es in Wien gemacht habe, werde ich auch in Hannover absolvieren, während ich mit Professor Vardi in Tel Aviv mein Masterstudium fortsetze.

Was sind deine anderen Pläne, außer des Masterstudiums?
Mehrere Preise. Eine Karriere ohne Wettbewerbe scheint nicht möglich zu sein, obwohl du nicht einfach einige Wettbewerbe gewinnen und dann hoffen kannst, dass dir das dann eine lange internationale Karriere bringt. Wenn du nichts zu sagen hast, bist du einer unter all den anderen 2000-3000 Preisträgern. Wie kannst du dann erwarten, dass Leute dich hören wollen? Es ist wichtig, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Für mich ist das Hauptziel, die Dinge, die ich sagen möchte, so vielen Menschen mitzuteilen wie möglich. Viele Menschen zu erreichen heißt berühmt sein. Also ja, ich will das aber nur weil ich etwas zum Leben der Menschen beitragen möchte. Ich muss gewaltig arbeiten und schwitzen. Aber das tu ich gerne.

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